Geschichte einer Überlebenden

  09.09.2022 Arni

Die reformierte Kirche lud zu einer Lesung der Auschwitz-Inhaftierten Eva Umlauf ein

Eine angespannte, traurige Stimmung herrschte kürzlich in der Arner Pfarrkirche. Die Auschwitz-Überlebende Eva Umlauf las aus ihrem Buch vor, das die heute 79-Jährige vor ein paar Jahren über ihre Zeit in zwei Konzentrationslagern geschrieben hat.

Roger Wetli

«Ja, ich gehöre zu den wohl jüngsten Auschwitz-Überlebenden. Und das verdanke ich einem Zufall», blickte Eva Umlauf in Arni zurück. Vor interessierter Hörerschaft erzählte sie aus ihrem Leben und las dazwischen aus ihrem Buch «Die Nummer auf deinem Unterarm ist blau wie deine Augen» vor.

Ob sie den Deutschen für ihre Gräueltaten verzeihen könne, wollte jemand bei der anschliessenden Fragerunde wissen. «Ich glaube nicht, dass ich verziehen habe. Dafür war das Töten zu systematisch. Ich hasse aber nicht, und das ist gut so. Denn Hass füllt das ganze Herz aus.» Die Fachärztin für psychotherapeutische Medizin lebt seit 50 Jahren in München und betonte, dass zu ihren Freunden Deutsche, Juden und Slowaken zählen.

Verspätung durch technische Panne

Dass sie kürzlich überhaupt in Arni einen Vortrag halten konnte und nicht bereits im Alter von knapp zwei Jahren von den Nazis getötet wurde, ist reiner Zufall. «Meine Mutter, mein Vater und ich wurden in den Todeszug aus dem Lager Novaky nach Auschwitz gefahren und wären dort eigentlich direkt in der Gaskammer gelandet. Der Zug hatte aber eine technische Panne und darum zwei bis drei Tage Verspätung. Das hat uns das Leben gerettet», weiss Eva Umlauf. «Unser Zug erreichte Auschwitz am 2. November 1944. Am 30. Oktober wurden noch 1200Juden vergast. Danach sprengten die Nazis die Todeskammern, um die Spuren zu verwischen. Denn die Rote Armee rückte immer näher.»

Geboren wurde Eva Umlauf als Eva Maria Hecht am 19. Dezember 1942 im Arbeitslager Novaky in der damaligen Tschechoslowakei. Sie war die erste von fünf Geburten in diesem Lager. «In Novaky wurden die Inhaftierten zum Arbeiten gezwungen, aber nicht vernichtet. Meine Mutter war zum Beispiel in einer Schneiderwerkstatt tätig», so Eva Umlauf.

Die Tschechoslowakei sei damals noch nicht von den Deutschen besetzt worden, diente ihnen aber als Vasalen-Staat und betrieb drei Arbeitslager. Von Novaky aus gab es eine direkte Zugverbindung nach Auschwitz. «Man wusste durch Flüstern, wann wieder einer eingetroffen war.» Im August 1944 kam es im Land zu einem Aufstand gegen die Nazis, worauf diese die Tschechoslowakei im Herbst besetzten. «Das meiste weiss ich von den Erzählungen meiner Mutter. Anderes konnte ich mir mit der Zeit durch historische Dokumente erarbeiten», gibt Eva Umlauf Einblick.

In Ohnmacht gefallen

Ihre Mutter habe ihr auch erzählt, wie die Ankunft in Auschwitz vor sich ging. «Wir machten das übliche bürokratische Prozedere mit unter anderem Ausziehen durch. Meiner Mutter wurde die Nummer ‹A 26 958› auf den Arm tätowiert. Mir danach ‹A 26 959›. Ich sei dabei für kurze Zeit in Ohnmacht gefallen.»

Die Überlebenden seien später sehr unterschiedlich mit dieser Nummer umgegangen. Einige hätten sie wegmachen lassen. «Ich habe sie immer noch. Sie war schon immer da, wuchs mit mir, verbindet mich mit meiner Mutter und ist ein Mahnmal meiner Geschichte. Diese kann ich sowieso nicht ablegen», betont sie.

Eva Umlauf war rund drei Monate in Auschwitz, als die Rote Armee das Lager am 27. Januar 1945 befreite. Zuvor und danach herrschte Chaos. Viele waren unterernährt und krank. «Dazu zählten auch ich und meine Mutter, die hochschwanger mit meiner Schwester war, die sie kurz nach der Befreiung gebar. Etliche konnten von der Roten Armee nicht mehr gerettet werden, weil sie bereits zu geschwächt waren.» Diese Schwäche sei aber auch einer der Gründe gewesen, wieso ihre Familie Auschwitz überlebte. Diejenigen, die noch genügend gesund waren, wurden von den Nazis auf Todesmärsche geschickt. «Darunter auch mein Vater, der schliesslich am 20. März 1945 im Konzentrationslager Melk getötet wurde.»

Angst vor dem Treffen

Ihre Familie blieb nach der Befreiung noch sechs Wochen in Auschwitz und kehrte danach wieder in ihre Heimat in die Tschechoslowakei zurück. «Alle unsere Verwandten waren tot. Mitgenommen hatten wir noch den sechsjährigen Knaben Tomy, der seine Eltern in Auschwitz verloren hatte und sich meiner Mutter regelrecht aufzwang. Wir fanden seine Verwandten. Er wanderte später nach Israel aus und lebt heute in Amerika.»

Verwandte hätten ihr erzählt, dass Tomy nachts oft geschrien habe. Er war auf der Mengele-Station, wo er wohl Experimenten ausgesetzt wurde. «Ich traf ihn erst vor ein paar Jahren. Er hatte vor dieser Zusammenkunft grosse Angst und besuchte Auschwitz nie.» Eva Umlauf selbst durfte in diesem Konzentrationslager zum 66. Befreiungsjahr 2011 eine fünfminütige Rede halten.

Zweite Heimat im Land des Feindes

Nach der Befreiung lebte Eva Umlauf die ersten Jahre im Heimatland und studierte dort. 1967 folgte sie ihrem Ehemann nach München. «Ja, ich wohne jetzt seit 50 Jahren im Land des Feindes. Mit meinem Mann hatten wir Pläne, nach Amerika auszuwandern. Er verstarb aber fünf Jahre nach der Hochzeit durch tragische Umstände. Und so hatte ich als Mutter mein Umfeld in München, wo ich bis heute lebe.»

Deutschland sei zu ihrer Heimat geworden, wie es auch die heutige Slowakei sei, wo sie die ersten 25Jahre verbracht hatte. Mit ihrem Buch und den Vorträgen möchte die heute 79-Jährige gegen das Vergessen ankämpfen. Und das hat Eva Umlauf in Arni auf eindrückliche Art und Weise getan.


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