Freie Räume erobern

  24.12.2021 Arni

Maurice Ducrets 3D-Kunstwerke sind im Aargauer Kunsthaus in Aarau zu sehen

An der «Auswahl 21» im Aargauer Kunsthaus in Aarau stellen 49 Kunstschaffende aus dem Kanton ihre Werke noch bis zum 2. Januar aus. Einer von ihnen ist Maurice Ducret aus Arni, der zudem einer von drei Künstlern ist, der mit dem Förderpreis von 10 000 Franken ausgezeichnet wurde.

Celeste Blanc

Filigrane Blumen aus Wachs, aus Ton getöpferte, sorgfältig ineinander gestapelte Schalen oder ein grosser Stein, der mit Patina überzogen ist: Die fünf Skulpturen von Maurice Ducret an der Ausstellung «Auswahl 21» im Aargauer Kunsthaus wirken auf den ersten Blick, als wären sie aus verschiedenen Materialien. Dabei ist es weder Stein, noch Ton oder Wachs, sondern Ducrets «Kopfgeburten», wie er seine Kunstwerke bezeichnet, sind tatsächlich 3D-Drucke.

Seit dreieinhalb Jahren «druckt» Ducret seine Kunstwerke und schafft mit dieser neuen Technik Kunstgegenstände. «Der Weg dahin war alles andere als leicht», gibt er lachend preis. Einmalig ist es allemal. Deshalb wurde Ducret von der Jury der «Auswahl 21» des Aargauer Kunsthauses auserwählt und seine Arbeit zusätzlich vom Aargauer Kuratorium mit 10 000 Franken Förderpreis ausgezeichnet. «Für mich als Künstler eine Ehre.»

Grenzen der Ausdrucksmöglichkeit

Das Ober- und Untergeschoss im Kunsthaus in Aarau, in welchem die ausgewählten Künstlerinnen und Künstler noch bis am 2. Januar 2022 ihre Werke ausstellen, gleicht fast schon einem Labyrinth. Während in einem kleineren Ausstellungsraum abstrakte Gemälde hängen, ist der Boden im nächsten mit lauter kleineren und grösseren Pilzskulpturen übersät. Nach dem Durchqueren eines grossen dunklen Raums mit einer Videoinstallation, in dem es sich in eine andere Welt eintauchen lässt, erreicht man Ducrets Auswahl an Skulpturen, die in dem schlichten weissen Raum sofort ins Auge stechen.

Dass Ducrets Kunstwerke heute durch den 3D-Drucker entstehen, war ein langer Prozess. Nach seiner Ausbildung an der Schule für Gestaltung in Luzern sowie Ateliervergabe durch das Kuratorium in Paris, Studienaufenthalt in Grossbritannien und Auslandsstipendium in Holland malte der 68-Jährige rund zehn Jahre Gemälde. «Irgendwann merkte ich: Es passt nicht mehr. Ich stiess an die Grenzen meiner Ausdrucksmöglichkeit.»

Auf der Suche nach neuen Techniken entwickelte er Anfang der 1990er-Jahre eine eigene Technik, welche die Malerei und die Fotografie vereinte. Konkret hiess das: weg vom «Ego» und hin zur Gegenständlichkeit.

Technik als neuer Zugang zur Kunst

«Bei der expressionistischen Malerei malt man etwas, das der Seele entspringt, aber auch die Gefahr birgt, dass man darin gefangen bleibt und sich wiederholt. Ich wollte aber zunehmend meine Arbeit in der ‹gegenständlichen› Welt verankern, das lässt mir Raum und Freiheit. So kam ich in der Folge durch die Stillleben zu den Objekten.»

Der Künstler fing in diesem Prozess vor gut dreieinhalb Jahren an, mit 3D-Drucken zu experimentieren. Alles andere als einfach, denn zunächst galt es, die CAD-Programme, mit welchen die Druckgegenstände im Computer geschaffen werden, zu erlernen. «Es war sehr anspruchsvoll und die Devise lautete ‹try and fail› (dt: versuche und scheitere)», lacht er. Dennoch liess Ducret dieser Reiz, Kunst aus dem Drucker herzustellen, nicht los. Für ihn als Künstler ist es wichtig, neue Wege auszuprobieren und sich zu entwickeln. «Jede Möglichkeit, die man erhält, um neue Techniken zu erlernen, ist eine Chance.»

Dabei bieten diese verschiedenen Techniken die Möglichkeit, in der Arbeit formal und inhaltlich weiterzukommen. «Die Technik, sei es, dass man sie neu erlernt oder neu erfindet, birgt unglaublich viel Potenzial, Inspiration und öffnet neue Türen.» Diese Freiheit ist es, der er in seiner Arbeit folgt. Dabei zeichnen sich Ducrets Skulpturen nicht durch einen einheitlichen Stil aus. Die Themen seiner Werke wechseln sich ab. Damit hat er eine «Wunderkammer» an Objekten, die er im Laufe der letzten Jahre aufgebaut hat und weiter ausbauen will.

Spielwiese unendlicher Möglichkeiten

Für ein Objekt, das etwa die Grösse eines Fussballs hat, braucht der 3D-Drucker etwa 40 bis 50 Stunden. Davor werden die Objekte entweder eingescannt und am Computer bearbeitet oder direkt am Computer «designed». Nach dem Druck erfolgt die Handarbeit. Dann wird gefeilt, geschliffen, zusammengeklebt. «Grundsätzlich unterscheidet sich diese Arbeitsweise nicht von der analogen Schaffensart», so der Künstler, der seit 21 Jahren in Arni lebt und dort auch sein Atelier führt. Durch verschiedene Filamente, also Kunststoffmaterialien, die entweder Eisen, Stein, Viskose oder andere Stoffe enthalten, wird jedes Stück einzigartig. «Es ist eine riesige Spielwiese, die unendlich viele Möglichkeiten bietet.» Nun sind fünf ebendieser Werke seit dem 13. November im Kunsthaus zu betrachten.

Für Ducret ist die Teilnahme an der «Auswahl», früher als Weihnachtsausstellung bekannt, nicht seine erste. Bereits mehrere Male durfte er seine Werke an der Weihnachtsausstellung präsentieren. Was er mit dem Förderpreis von 10 000 Franken genau machen wird, weiss er noch nicht. «Ich werde es aber sicherlich in meine weitere Arbeit investieren.»

«Gegenwelt» zur Realität

Bei der Frage, was das Schöne an der Kunst sei und wieso sie die Gesellschaft braucht, lacht der Künstler: «Es gab den einen oder anderen Moment, in dem ich mich fragte, wieso ich das überhaupt mache.» Wieso er nicht etwas Praktisches herstellt oder soziale Arbeit leistet. Doch die Kunst sei etwas Essenzielles für die Gesellschaft. Sie wird gebraucht, auch und vor allem in schwierigen Zeiten. Zeiten, wie wir sie momentan erleben. Denn finden Konzerte, Theaterstücke oder Vernissagen nicht mehr statt, bricht etwas Wichtiges aus dem Alltag weg.

Musische Künste helfen, sich einen Raum zu erschaffen, der in einem als eng erlebten Alltag mit Pflichten und Verantwortung den Geist und das Gleichgewicht bringt. «Wie der Mensch seine freien Räume nutzt, ob er sie auf Social Media durch ‹Konsumieren› oder durch das eigene ‹Schaffen› von Bildern und Liedern einsetzt, ist jedem selber überlassen», so der Künstler.

Ducret verfolgt mit seiner Kunst das Ziel, eine «Gegenwelt» zu erschaffen. Nicht als Fluchtort, sondern bewusst als Gegenpol zu der täglich erlebten Realität. Für ihn ist die Kunst ebendieser Raum, den er sich nimmt. «Und gleichzeitig lasse ich andere Menschen daran teilhaben.» Und so schaffe es die Kunst auch heute noch, Menschen für einen kurzen Moment über andere Dinge nachdenken oder in andere Welten eintauchen zu lassen.

Die «Auswahl 21» läuft noch bis 2. Januar 2022. Mehr Informationen unter: www.aargauerkunsthaus.ch.


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