Verheiratet mit der Kartbahn

  03.08.2022 Wohlen

Sommerserie «Zeitgeschichte Aargau»: Die Kartbahn in Wohlen (respektive Waltenschwil)

Im August 1962 wurde sie eröffnet und hat danach viel erlebt: Die Kartbahn Wohlen kennt man in der Szene und darüber hinaus. Zeitzeugen berichten von einer Zeit mit Höhen und Tiefen. Und einem Patron namens «OGA» Meier.

Stefan Sprenger

Der Geruch von verbranntem Benzin. Das Rattern der Honda-GX-Motoren, mit denen die Miet-Gokarts angetrieben werden. Am Pistenrand stehen meist Männer, Motorsportfreunde. Sie analysieren, was auf der rund 825 Meter langen und 10 Meter breiten Piste passiert. So war es 1962. So ist es 2022. Von nah und fern pilgern motorsportbegeisterte Menschen wegen ihr ins Freiamt. Und sie gilt bis heute als eine der schönsten und anspruchsvollsten Pisten Europas: die Kartbahn in Wohlen. Ein Highlight für viele Menschen – und das schon seit 60 Jahren.

«Seppi» Koch ist seit 1974 auf der Kartbahn

Schon auf dem Parkplatz beginnt das Abenteuer. Eine ausgemusterte Mirage der Schweizer Luftwaffe steht zur Begrüssung da. Gleich daneben ist das Restaurant Kartbahn, seit 2017 von Max Steinmann geführt. Dort gibt es die kulinarischen Höhenflüge für die hungrigen Kartfahrer – und für alle anderen. Ein paar Schritte weiter, und man ist auf dem Areal der Kartbahn, 35 000 Quadratmeter gross. Das «Unternehmen» finanziert sich hauptsächlich durch den täglichen Mietbetrieb für Amateurfahrer. Doch es ist mehr als ein Geschäft. Es ist Passion, Sport, Spannung. Hier werden seit 60 Jahren die Rennfahrerträume von Klein und Gross wahr. Hier haben sich Hunderte erzählenswerte Geschichten ereignet.

Jemand, der die meisten davon kennt, ist Josef Koch. Alle nennen ihn einfach «Seppi». Er ist 70 Jahre alt, kommt aus Uezwil. Sein Vater hatte ein Tankrevisionen-Geschäft, und so landete er 1974 als Mechaniker auf der Kartbahn. Mit einem Unterbruch von zwei Jahren war er immer hier tätig. Bis heute. Früher gingen die Karts oft kaputt. «Chassis zusammenschweissen» war eine Hauptbeschäftigung. «Heute ist es wie Ferien. Die Karts gehen kaum mehr kaputt», erzählt «Seppi» Koch. Er habe immer Freude am Motorsport gehabt. «Die Arbeiter hier waren immer aufgestellt. Die Stimmung immer gut.» Und deshalb liebt er seinen Job und will ihn auch so lange es geht noch ausführen.

«Seppi» Koch wurde 1974 eingestellt von Josef Meier, besser bekannt als «Oga» Meier. Und auch wenn er schon seit über 30 Jahren nicht mehr am Leben ist, so kommt man an diesem Namen auf der Kartbahn Wohlen nicht vorbei. «Er war eine Nummer», weiss «Seppi» Koch zu berichten. «Eigen» sei er gewesen. «Launisch manchmal», aber immer Vollgas für die Kartbahn.

Idee kam «im Kreise der Freunde»

«Oga» Meier war Mitinitiant bei der Erbauung der Kartbahn, der Hauptzünder in den Anfangsjahren. Und vom ersten Betriebstag bis 1980 der Betriebsleiter und später auch Hauptaktionär, Geschäftsführer und «Kassenwart». Als «Oga» Meier 1978 Ehrenkammerer in Wohlen wurde, schrieb diese Zeitung: «Im Kreise der Freunde wurde der Gedanke für den Bau einer Gokart-Bahn wach. Meier tätigte ein paar Landkäufe und -verkäufe und schon war die Finanzierung der schönsten und grössten Kartbahn Europas gesichert.»

«Oga» Meier ist den älteren Semestern in Wohlen ein Begriff. Er war ein Geschäftsmann, ein Dorforiginal. Geboren 1925, aufgewachsen in Büttikon mit sieben Geschwistern. In seinem Lebenslauf heisst es: «Angetrieben von seinem Bestreben, immer neue Dinge auszuprobieren und sich neue Kenntnisse anzueignen, wurde sich Josef Meier seiner riesigen Begabung bewusst.» Er hatte ein aussergewöhnliches Händchen für die Handelsbranche. Kurz: Er war der geborene Verkäufer. An der Bahnhofstrasse in Wohlen eröffnete Meier 1950 ein eigenes Occasionen-Handelsgeschäft, das er bis 1971 erfolgreich führte. Daher auch sein Spitzname «Oga», der für «Occasionen» steht.

1949 heiratete er Emmi Schmid aus Fischbach-Göslikon. Sie zogen nach Villmergen. 1950 kam die einzige Tochter Beatrice zur Welt. Diese heisst heute Beatrice Jöhl und lebt in Wohlen. Sie war damals 12 Jahre alt, als die Kartbahn eröffnet wurde. Sie erinnert sich: «Er wurde inspiriert auf einer Reise in Amerika. Dort hat er Gokarts zum ersten Mal gesehen.» Und ein Traum war geboren. Mit zwei seiner engsten (Geschäfts-)Freunde, Werner Abt und Kurt Sax, wurde das Projekt vorangetrieben. Am 28. August 1962 eröffnet die Kartbahn, also nur die «nackte» Piste. Kostenpunkt: 250 000 Franken. Das Restaurantund Werkstattgebäude wurde 1969 erstellt.

Den Waltenschwilern passte der Name nicht

Die Anfangszeit war geprägt von Euphorie und Gegenwind. In der Motorsport-Szene war die Strecke ein Hit, ein absolutes Highlight. Aus dem Inund Ausland reisten die Kartliebhaber an. Doch es gab bereits in den Anfangsjahren drei Tote und zudem unsäglichen Lärm, der von der Bevölkerung nur schwer geduldet wurde. Zudem war den Waltenschwilern der Name «Kartbahn Wohlen» ein Dorn im Auge. Auch wenn die Kartbahn auf Waltenschwiler Grund liegt, so entschieden sich die Gründer für den Namen «Wohlen», weil man das grösste Freiämter Dorf eben in der ganzen Schweiz kannte. So ist der Firmenname bis heute «Kart-Bahn Wohlen AG» und der Firmensitz ist in Waltenschwil.

Stocker: «Als Single hier zu arbeiten, ist einfacher»

Die drei Gründer der Kartbahn, Kurt Sax (Waltenschwil), Werner Abt (Boswil) und «Oga» Meier, haben etwas auf die Beine gestellt, das viele Menschen glücklich machte. Meier war als Betriebsleiter jahrelang das Gesicht der Kartbahn. Beatrice Jöhl, Tochter von Meier, sagt, dass er ein lieber Vater war. «Die Familie war ihm das Wichtigste. Danach kam dann aber gleich die Kartbahn», wie sie schmunzelnd sagt.

Für die Mitarbeiter auf der Kartbahn, meist waren es rund ein halbes Dutzend, ist es mehr als nur ein Job. «Mit der Kartbahn muss man fast verheiratet sein», sagt Walter Stocker. Er war zwischen 1974 und 1990 dort angestellt, als Mechaniker, als Pistenbetreuer. Und mit viel Arbeit an den Wochenenden. «Als Single hier zu arbeiten ist einfacher. Die Tage waren manchmal bis zu 14 Stunden lang», erzählt der heute 65-Jährige. An einem warmen Sommertag im Jahr 2022 steht er ebenfalls wieder am Pistenrand. Dies, weil nun sein Sohne René Stocker dort arbeitet. Der gelernte Carrosseriespengler ist seit zwei Jahren angestellt. «Es ist ein super Team. Es macht Spass», sagt er. Und auch er fügt lachend an: «Ja, auf der Kartbahn zu arbeiten, ist wie verheiratet zu sein mit dieser Piste.»

Senna, Trulli, Fisichella, Häkkinen oder Räikonnen

Die Kartbahn hatte in den vergangenen 60 Jahren vier Besitzer. Meier, Zurlinden, Frey und Hellstern hiessen sie. 2008 sollte die Kartbahn weichen für ein Recycling-Zentrum. Doch das klappte nicht. Zum Glück für alle Motorsportfreunde. Der aktuelle Geschäftsführer heisst Mike Steinmann.

In den letzten 60 Jahren wurde die Kartbahn zum Mekka von vielen sportbegeisterten Menschen. Unzählige nationale und internationale Meisterschaften wurden ausgetragen, unzählige Pokale verteilt. Viele prominente Personen kamen zu Besuch. Kunstturner Donghua Li, Kugelstösser Werner Günthör oder Ski-Chef Urs Lehmann. Besonders stolz ist man auf den Besuch aus der Champions League des Motorsports, der Formel 1. Die Rennfahrer Ayrton Senna, Jarno Trulli oder Riccardo Patrese, Giancarlo Fisichella, Nick Heidfeld, Mika Häkkinen oder Heinz-Harald Frentzen drehten schon ihre Runden auf der Kartbahn. Und der Weltmeister Kimi Räikkönen kommt (auch heute noch) regelmässig mit seinem Sohn auf die Piste.

Kartsport wurde sicherer

Negative Schlagzeilen gab es meist wegen Unfällen. Über die Jahre hinweg gab es einige Todesopfer zu beklagen – besonders in der Anfangszeit, wo die Karts noch nicht so sicher waren. Wie viele Tote es sind, kann man nur schätzen, wohl rund ein halbes Dutzend, allesamt bei den Rennkarts, nicht bei den Mietkarts. Es ist eben ein Risiko, das zum Rennsport dazugehört. Seit etlichen Jahren gab es aber keine gravierenden Unfälle mehr zu beklagen. Der Kartsport hat sich gewandelt und wurde sicherer.

Beatrice Jöhl, die Tochter von Kartbahn-Patron «Oga» Meier, hat als Kind und junge Frau viel Zeit auf der Kartbahn verbracht. Heute geht sie nicht mehr auf die Piste. Seit dem Tod ihres Vaters 1991 hat sie mit dem Kapitel abgeschlossen. Sie ist sich aber sicher: «Mein Vater hätte nach wie vor grosse Freude, wenn er sehen würde, dass die Piste nach wie vor sehr beliebt ist.» Und sie wird es wohl auch noch viele Jahre bleiben.


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